30.01.2012 - Aktuelles aus den Centren

Charité forscht an therapeutischer HPV-Impfung

Günter Cichon

Gebärmutterhalskrebs ensteht aus einer Infektion mit Humanen Papillomviren (HPV). An der Frauenklinik der Charité forscht PD Dr. Günter Cichon an der Entwicklung eines Impfstoffs für Frauen, die mit den Viren infiziert und bei denen bereits Zellveränderungen des Gebärmutterhalses nachgewiesen sind. Im Interview erläutert Cichon, wie die Impfung funktioniert.

Beatrice Hamberger: Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 5.500 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Wie entsteht diese Krebsart eigentlich?
Günter Cichon:
Ursache für die Entstehung von Krebsvorstufen des Gebärmutterhalses sind Infektionen mit Papillomaviren (HPV). Das Problem ist, dass das Immunsystem der betroffenen Frauen die krankheitsauslösenden Viren häufig nicht rechtzeitig erkennt, und diese dadurch im Verborgenen ihr Unwesen treiben können.

Hamberger: Diese Krebsvorstufen lassen sich aber im Rahmen der jährlichen Krebsvorsorgeuntersuchung nachweisen?
Cichon:
Das Ziel der jährlichen Krebsvorsorge ist es, die durch die HPV-Infektion ausgelösten Zellenveränderungen rechtzeitig zu erkennen, bevor sie bösartig werden. In Deutschland werden jedes Jahr rund eine Million auffällige Pap-Abstriche erhoben, bei rund zehn Prozent liegen schwerwiegende Veränderungen vor.

Hamberger: Welche Therapie steht diesen Frauen zur Verfügung?
Cichon: Derzeit können wir den betroffenen Frauen nur die operative Entfernung des befallenen Gewebes durch eine Laserbehandlung oder eine chirurgische Abtragung des betroffenen Gewebes anbieten.

Hamberger: Die Konisation?
Cichon: Allein in Deutschland müssen sich aus Mangel an gewebeschonenden Therapien jährlich mehr als 100.000 Frauen einer Konisation unterziehen. Wir wissen aber, dass sich durch den Eingriff das Frühgeburtsrisiko erhöhen kann, so dass es wünschenswert wäre, den betroffenen Frauen eine wirksame, aber gewebeschonende Therapiealternative anbieten zu können.

Hamberger: Sie forschen an einer gewebeschonenden Therapiealternative. Welchen Ansatz verfolgen Sie?
Cichon: Wir arbeiten an der Entwicklung eines therapeutischen Impfstoffes, der bei Frauen wirkt, die bereits mit Papillomviren infiziert sind und bei denen bereits Zellveränderungen des Gebärmutterhalses durch einen auffälligen Pap-Abstrich nachgewiesen worden sind.

Hamberger: Anders als die vieldiskutierte HPV-Impfung handelt es sich bei Ihrem Impfstoff nicht um Prophylaxe, sondern um eine Therapie. Wie funktioniert diese Impfung?
Cichon: Wir versuchen durch eine lokale Behandlung des Gebärmutterhalses mit einem harmlosen Schnupfenvirus, das Immunsystem wachzurütteln und dadurch eine Immunreaktion anzustoßen, die zur Abheilung der HPV-Infektion und damit auch der gefährlichen Zellveränderungen führt. Das zur Therapie verwendete Schnupfenvirus trägt zusätzlich ein Impfgen, das dem Immunsystem hilft, die gefährlichen Papillomavirusgene besser zu erkennen.

Hamberger: Das Schnupfenvirus dient also als eine Art Lockvogel für das Immunsystem?
Cichon: Im Unterschied zu üblichen Impfungen, bei denen der Impfstoff durch eine Injektion mit einer Nadel etwa in den Oberarm verabreicht wird, kann unser Impfstoff in einem Gel von außen direkt auf die veränderten Zellen aufgetragen werden. Dieser Weg ist für die betroffenen Frauen aller Voraussicht nach vollkommen unbelastend und schmerzfrei und er hilft gleichzeitig, das Immunsystem direkt an den richtigen Ort zu führen.

Hamberger: Das klingt vielversprechend. Wo stehen Sie mit Ihren Forschungsarbeiten?
Cichon: Wir konnten bereits zeigen, dass sich menschliches Gewebe des Gebärmutterhalses hervorragend auf diese Weise von außen impfen lässt, was eine wichtige Vorrausetzung für den Erfolg der therapeutischen Impfung ist. In tierexperimentellen Untersuchungen hat unser Ansatz zu beeindruckenden Ergebnissen geführt, so dass wir im nächsten Schritt versuchen möchten, die Wirksamkeit des Ansatzes an betroffenen Frauen zu untersuchen.

Hamberger: Der nächste Schritt ist eine klinische Studie mit Patientinnen?
Cichon: Wir haben bereits in ersten Gesprächen mit dem Paul-Ehrlich-Institut die Rahmenbedingungen für eine erste Untersuchung am Menschen besprochen und hoffen, dass es uns in den nächsten Wochen gelingt, die notwendige finanzielle Unterstützung vom Bundesforschungsministerium zur Durchführung erster Untersuchung an betroffenen Frauen zu erhalten. Wenn sich zeigt, dass unser Methode tatsächlich zur Heilung der Dysplasien führt, dann könnte in sechs bis zehn Jahren eine Impfung verfügbar sein.

Hamberger: Zu guter Letzt: Birgt denn so eine Impfung mit Schnupfenviren keine Gefahren für die Frauen?
Cichon: Nein, die meisten Menschen haben bereits als kleine Kinder Kontakt mit diesen harmlosen Schnupfenviren gehabt. Hinzukommt, dass die Viren, die wir verwenden in einer Weise verändert sind, die verhindert, dass sie sich in Menschen noch selbständig vermehren können. Auf diese Weise bleibt die Infektion nur auf einen kleinen erwünschten Ort begrenzt. Diese Impfung ist harmlos und unbelastend, birgt aber die Chance die HPV-Infektion zur Abheilung zu bringen und auf diese Weise eine Operation überflüssig zu machen.

Das Interview führte Beatrice Hamberger. Quelle: Gesundheitsstadt Berlin.

Kontakt:

Klinik für Gynäkologie der Charité



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