04.10.2011 - Aktuelles aus den Centren

"Bei weitem nicht ausreichende Aufklärung"

Professor Harald zur Hausen, Medizinnobelpreisträger 2008

Die deutsche Öffentlichkeit weiß zu wenig über die HPV-Impfung und ihre Vorteile - dies ist die Einschätzung von HPV-Forscher und Medizin-Nobelpreisträger Professor Harald zur Hausen. "Hier besteht in Deutschland deutlicher Nachholbedarf", sagte zur Hausen im exklusiven Interview mit "Gyn-Info" nach dem HPV-Kongress in Berlin. Darüber hinaus gebe es "nicht immer korrekte Information durch Gesundheitsberater der Bundesregierung und der Länder".

Das Interview mit Harald zur Hausen lesen Sie hier:

"Gyn-Info": Herr Professor zur Hausen, der weltweit größte HPV-Kongress ist in Berlin zu Ende gegangen. Wie wird man in 30 Jahren über unseren Wissenstand denken? Wird man uns für gut informierte Amateure, aufstrebende Gesellen oder werdende Meister halten?
Harald zur Hausen: Vermutlich weder noch. Wir sehen auch heute Arbeiten, die vor 30 Jahren durchgeführt wurden, unter der Perspektive der damaligen Zeit. Sicherlich werden eine Reihe weiterer wichtiger Ergebnisse in 30 Jahren verfügbar sein. Sie werden zu einem großen Teil auf dem beruhen, was früher erarbeitet wurde.

"Gyn-Info": Was ist aus Ihrer Sicht das derzeit vielversprechendste HPV-Forschungsthema? In welchem Bereich haben wir die größten Fortschritte zu erwarten?
Zur Hausen: Ich vermute, dass dies die Weiterentwicklung präventiver HPV-Impfungen und eine gezielte medikamentöse Hemmung spezifischer HPV-Funktionen sein werden.

"Gyn-Info": Im Gegensatz zu vielen anderen Krebsarten ist die zentrale Ursache für Gebärmutterhalskrebs bekannt. Mit der Impfung steht eine nebenwirkungsarme und von den Krankenkassen bezahlte Methode zur Verfügung, diese Ursache zu vermeiden. Dennoch ist die Impfrate in Deutschland mangelhaft. Wie erklären Sie sich diese Situation?
Zur Hausen: Die Erklärung dürfte in einer bei weitem nicht ausreichenden Aufklärung über die Wirksamkeit dieser Impfung bei zuständigen Ministerien, Gesundheitsbehörden, Ärzten, Lehrern und Eltern liegen. Hier besteht in Deutschland deutlicher Nachholbedarf. Darüber hinaus gab es nicht immer korrekte Information durch Gesundheitsberater der Bundesregierung und der Länder.

"Gyn-Info": Welche Rolle spielen niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen dabei, die Impfrate zu verbessern?
Zur Hausen: Vermutlich eine wichtige. Aber auch hier ist unter einigen der Kollegen der Informationsstand verbesserungswürdig.

"Gyn-Info": Intensiv diskutiert wurde auf dem Kongress die Frage, welche epidemiologische Rolle Männer bei HPV spielen und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Sie sprechen sich schon seit langem dafür aus, auch Jungen gegen HPV zu impfen. Warum?
Zur Hausen: Weil die Hochrisiko-Papillomvirus-Infektionen eine sexuell übertragbare Infektion darstellen. Die Übertragung durch junge Männer ist sicherlich ein wichtiger Risikofaktor für die Entstehung des Gebärmutterhalskrebses. Darüber hinaus treten die durch die gleichen Infektionen hervorgerufenen Anal- und Tonsillenkrebse bei Männern etwas häufiger auf als bei Frauen. Schließlich könnten wir bei globalen Impfprogrammen diese Infektionen in einer vorhersehbaren Phase wohl auch ausrotten.

"Gyn-Info": Ist die Impfung von Jungen denn realistisch? Die von HPV verursachten schweren Erkrankungen beim Mann sind selten (etwa das Penis- oder Analkarzinom) - entsprechend gering dürfte die Motivation für viele Jungen sein, sich impfen zu lassen.
Zur Hausen: Die Impfung wird dann realistisch, wenn die Preise für den Impfstoff drastisch sinken. Es muss darüber hinaus das Bewusstsein wachsen, dass wir durch eine umfassende Impfung der Jungen das Risiko für den Gebärmutterhalskrebs vermutlich rascher senken werden, als über ein umfassendes Impfprogramm für Mädchen, da in der entsprechenden Altersphase die Zahl der Sexualpartner bei jungen Männern im Durchschnitt höher liegen dürfte als bei Frauen entsprechenden Alters.

"Gyn-Info": Einige Forscher plädieren dafür, den Pap-Abstrich als Screening durch einen HPV-DNA-Test zu ersetzen. Wie stehen Sie dazu?
Zur Hausen: Nach den mir bekannten bisher vorliegenden Untersuchungen spricht alles dafür, dass der "predictive value" (die Risikovorhersage) beim HPV-DNA Test besser ist als beim Pap-Screening. Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit und der Kosten bis hier ein grundsätzliches Umdenken erfolgt.

Herr Professor zur Hausen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Die Fragen stellte Guido Speiser.

"Gyn-Info" ist der elektronische Fach-Newsletter der Klinik für Gynäkologie (CCM, CBF), der vier Mal im Jahr erscheint.

Foto: DKZF



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