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Aktuelles & Presse

Babyglück trotz Krebs an der Gebärmutter

Berliner Arzt entwickelt neues Verfahren - eine Hoffnung für Tausende Frauen

Von Tanja Kotlorz

 aus der Berliner Morgenpost

Drei Wochen zu früh kam der kleine Louan auf die Welt. Für Mama Marny Wetzel ist der kleine Kerl das schönste Geschenk

Foto: Joachim Schulz

Krebs in der Gebärmutter! Wie ein Blitzschlag, plötzlich aus heiterem Himmel und mit der vollen Härte, traf diese Nachricht die Zehlendorferin Marny Wetzel. Krebs, das ist ein Synonym für Angst, für Todesangst. Marny Wetzel hatte Panik davor zu sterben. "Ich dachte, jetzt dauert es nur noch ein halbes Jahr und du gibst den Löffel ab", erzählt die 36-Jährige. Als ihr ein ambulanter Gynäkologe mitteilte, sie habe einen bösartigen Tumor im Gebärmutterhals, verlor sie erst mal den Boden unter den Füßen.

Krebs mit 33 Jahren! Sie wollte doch noch einmal Mutter werden. Und sie wollte erleben, wie ihre erst vierjährige Tochter Luisa erwachsen wird. Das alles ist drei Jahre her. Heute liegt Marny Wetzel im Klinikbett, fünfter Stock, Station 38 der Charité am Steglitzer Campus Benjamin Franklin. Sie ist keine kranke, gebrochene Frau sondern eine überglückliche Mutter. Im Arm hält sie ihren selig schlummernden 2770 Gramm schweren und 47 Zentimeter großen Sohn Louan Aaron. Vergangenen Donnerstag, am 16. November, kam der Kleine zur Welt. Die Geschichte von Marny Wetzel hat eine wundervolle, besondere Wendung genommen. Das liegt vor allem an ihr selbst, am Fortschritt der Medizin und am richtigen Arzt.

Jede dritte Erkrankte stirbt

Mehr als 6000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich an Gebärmutterhalskrebs; 2400 sterben daran pro Jahr. Stellen Ärzte diese schlimme Diagnose, raten die meisten zu einem radikalen Eingriff, der Entfernung der Gebärmutter. Auch Marny Wetzel bekam diese Empfehlung von ihrem Arzt. Kurzerhand forderte er: "Jetzt muss alles raus", erinnert sie sich. Völlig verstört schlich sie nach Hause und schüttete ihrer Schwester ihr Herz aus.

Mit dem Exitus ihres Uterus wollte sich die selbstständige Handelsvertreterin jedoch nicht abfinden und recherchierte im Internet. Dabei stieß sie auf den Namen des Gynäkologen Professor Achim Schneider. Er wendet eine noch sehr neue und vielversprechende Operationsmethode an, die so genannte Trachelektomie. Dabei wird der Tumor im Gebärmutterhals entfernt, aber nicht das ganze Organ entnommen. Zwei Drittel des Gebärmutterhalses und die innere Hälfte des Halteapparates der Gebärmutter werden entnommen, der Gebärmutterkörper und der innere Muttermund bleiben erhalten. Kombiniert wird das Verfahren mit der Entfernung der Beckenlymphknoten. Der größte Vorteil dieser Methode: Die Frauen können noch schwanger werden, da der Uterus erhalten bleibt.

Neue OP-Methode

Wie hoffungsvoll diese Teilentfernung des Gebärmutterhalses ist, zeigt eine bundesweite, klinische Studie: Nur bei vier von 108 Frauen ist nach der Trachelektomie wieder ein Tumor aufgetreten. 20 Patientinnen wurden nach dem Eingriff schwanger, zwölf bekamen inzwischen gesunde Kinder - so wie die Berlinerin.

Professor Achim Schneider ist Gynäkologe an der Berliner Universitätsklinik Charité am Standort Benjamin Franklin, und dort unter anderem als Direktor der Klinik für Gynäkologie mit dem Schwerpunkt gynäkologische Onkologie tätig. Vor drei Jahren hat Schneider noch in Jena gearbeitet. Marny Wetzel reiste zu ihm und ließ sich von ihm operieren. "Das Verfahren eignet sich nur bei Patientinnen, deren Tumor nicht größer als zwei Zentimeter ist und bei denen der Krebs noch keine Tochtergeschwülste gebildet hat", erklärt Schneider. Hat der Tumor schon metastasiert, ist die Gebärmutter nicht mehr zu retten. Kann der Operateur nicht den gesamten Krebsherd entfernen, ist eine Schwangerschaft ebenfalls für immer ausgeschlossen. Dann muss die Gebärmutter bestrahlt oder entfernt werden. Der Uterus der Berlinerin konnte in einer vierstündigen Operation gerettet werden. Der Tumor war noch klein und hatte nicht gestreut. Regelmäßig, alle drei Monate, muss die Zehlendorferin seither zur Kontrolle. Doktor Schneider prüft permanent, ob sich wieder ein Krebs bildet. Die Schwangerschaft und die Geburt standen unter besonderen Vorzeichen. Marny Wetzel musste sich schonen, Sport und Stress vermeiden. Die Geburt ist auch etwas anders verlaufen als beim ersten Mal, weiß der Direktor der Charité-Klinik für Geburtshilfe, Professor Joachim Wolfram Dudenhausen: "Die Entbindung musste per Kaiserschnitt erfolgen", erklärt der Fachmann. Denn bei der Trachelektomie wird um das untere Ende der Gebärmutter ein Faden geschlungen, der bei einer vaginalen Geburt im Weg sein könnte.

Die Ängste vor dem Krebs und vor einer Fehlgeburt sind jetzt überwunden. Marny Wetzel, Ehemann Marco und Tochter Luisa werden Hoffnung und Freude unter dem Weihnachtsbaum erleben. Ihr Christkind heißt Louan Aaron. Und der kleine Kerl ist wirklich ein medizinisches Wunder.

Aus der Berliner Morgenpost vom 23. November 2006

 

 

Sonderthemen Tagesspiegel vom 06.06.2007

Alles für die Frau

Die Nachricht für Hanna G. war ein Schock: Gebärmutterhalskrebs lautete die Diagnose. Zur Furcht kam dazu, dass die 32-jährige Berlinerin, die „wegen der Liebe“ nach Frankfurt gezogen ist, sich nichts sehnlicher wünschte, als gemeinsam mit ihrem Mann Kinder zu bekommen. Und Gebärmutterhalskrebs, das hieß bislang für alle Frauen das Ende der Familienplanung. Denn beim „Zervixkarzinom“ wird die Gebärmutter entfernt. So riet es Frau G. auch ihr Gynäkologe.

Nach einer lähmenden Phase voll Trauer und Angst gaben die Eheleute den Fachbegriff Zervixkarzinom bei Google ein. Die ersten Treffer bezogen sich auf die neue Impfung gegen das Humane Papilloma Virus, Auslöser des Gebärmutterhalskrebses. Dieser Schutz käme nicht nur für Hanna selbst zu spät, er wird die Häufigkeit dieses Tumors erst in vielen Jahren verringern. Doch bei ihrer Recherche im Internet stießen die Eheleute auf die Meldung: „Schwangerschaft trotz Gebärmutterhalskrebs – neue OP radikale Trachelektomie“ . Die größte Erfahrung damit haben Ärzte in Hannas Heimatstadt.

Das Paar reiste nach Berlin zum Chef der Frauenkliniken der Charité an den Standorten Mitte und Steglitz, Professor Achim Schneider. Dessen Spezialgebiete sind die gynäkologische Onkologie und vor allem endoskopische Diagnose- und Operationstechniken in der Frauenheilkunde. Tumore werden in Stadien eingeteilt – je früher sie entdeckt werden und je weniger sie fortgeschritten sind, desto größer sind die Heilungschancen. Das Problem bei der Stadieneinteilung des Zervixkarzinoms war bislang, dass sie nur per Tastbefund erfolgten. Auch die lebenswichtige Frage, ob bereits Lymphknoten befallen sind und mit herausoperiert werden müssen, konnte nur als Vermutung beantwortet werden. „Wir tappen im Dunklen“, sagte sich Schneider. Mit seinen Mitarbeitern erforschte er die Möglichkeit, sowohl die Ausdehnung eines Gebärmutterhalskrebses als auch die „Lymphknotenfrage“ mittels Bauchspiegelung (Laparoskopie) genau zu bestimmen. Seine Studien zeigten, dass dies nicht nur mit großer Treffsicherheit funktioniert, sondern vor allem auch, dass die korrekte Stadieneinteilung eine individuelle Therapieplanung ermöglicht.

Der nächste Schritt eben war die Entwicklung der radikalen Trachelektomie. Bei Frauen mit Kinderwunsch und einem nicht zu großen Zervixkarzinom werden zwei Drittel des Gebärmutterhalses und der innere Teil des Halteapparates herausgenommen, Gebärmutter sowie innerer Muttermund aber bleiben erhalten. Gleichzeitig werden per Bauchspiegelung auch befallene Lymphknoten entfernt. Weit über 100 Frauen haben die Charité-Gynäkologen mittlerweile auf diese Weise operiert, und der Krebs trat unterdurchschnittlich selten erneut auf. Mehr als 20 Frauen konnten so trotz ihrer Krebskrankheit schwanger werden - und Familie G. in Frankfurt hat nun ebenfalls ein gesundes Baby.

Die neue Methode hat jedoch zwei Nachteile: Die Geburt muss wegen des verkürzten und verschlossenen Gebärmutterhalses per Kaiserschnitt erfolgen, und auch die Gefahr von Infektionen während der Schwangerschaft ist erhöht.

Die laparoskopische Krebsuntersuchung hat auch für Frauen mit schon größeren Tumoren Vorteile, die keine Kinder mehr bekommen können. Denn dadurch ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) allein zur Heilung führt, ohne anschließende Bestrahlung oder Chemotherapie. Insgesamt ist für die Hysterektomie keine große Operation mit Bauchschnitt mehr nötig. In den Charité-Frauenkliniken wird sie per Kombination aus laparoskopischem und vaginalem Eingriff vorgenommen. Vorteil: Es wird „blutleer“ operiert und die bei Darm, Blase und Scheide liegenden Nerven werden geschont. Inkontinenz wird so vermieden.

Einer der weiteren Schwerpunkte des Schneider-Teams ist die Endometriose, das womöglich am meisten unterschätzte Frauenleiden. Es handelt sich um ein östrogenabhängiges Vorkommen von Schleimhautherden außerhalb des Uterus mit der Folge starker Schmerzen (vor allem während der Monatsblutung) und zahlreichen „unspezifischen Symptomen“. Bis zu einem Viertel der Frauen leidet darunter, von diesen wiederum etwa fünf Prozent an besonders schweren Ausprägungen. Schneider ärgert sich maßlos über Sprüche wie „Stell' dich nicht so an“: Wegen dieser Haltung, die auch bei Ärzten vorkommt, werden Frauen mit Endometriose oft unzureichend behandelt, und es seien schon Ehen aufgrund der Beschwerden beim Sexualverkehr in die Brüche gegangen, manche Betroffene werde gar in die Psychiatrie geschickt. Im Endometriose-Zentrum der Charité wird die Diagnose ebenfalls per Bauchspiegelung vorgenommen. Es folgen die Entfernung der Herde sowie eine Hormontherapie. Oft kann so eine größere Operation vermieden werden.
Das jüngste Projekt der Universitäts-Frauenklinik sind robotorassistierte Operationen per Laparoskop, die noch schonender sein dürften. Hier aber ist noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten. Für Achim Schneider, Jahrgang 1950 und Vater zweier Töchter, der erst seit drei Jahren in Berlin wirkt, gibt es einen guten Grund, weiterzuforschen: „Es ist ein Privileg, für von Krebs bedrohte Frauen da zu sein – so werden wir jeden Tag daran erinnert, was eigentlich wichtig ist im Leben. Wir Ärzte lernen mehr von unseren Patientinnen als umgekehrt.“ Justin Westhoff Alles für die Frau Alles für die Frau

aus dem Berliner Tagesspiegel vom 06.06.2007